Haltung und Sozialisierung
Wie in der Zootierpflege üblich, ist mir eine anregende, bedürfnisorientierte Haltung
wichtig. Es spielt nicht alleine die Fläche eine Rolle, sondern die Struktur und Beschaffenheit der Haltung. Langeweile führt innerartlich zu mehr Konflikten – was wir Menschen auch von uns selber kennen. So bin ich täglich gefordert, „lebensraumanreichernd“ zu agieren.
2019 brütete ich die ersten Wachteleier aus und mit der Unterstützung meiner Familie übernahmen wir die Rolle der Henne.
Hühnervögel gehören zu den Nestflüchtern, können also bald nach dem Schlüpfen ihrer
Mutter folgen und haben den starken Impuls, dies auch zu tun – ihr Lebe
n hängt davon ab. Diesen kleinen Wesen ist nicht bekannt, dass in der künstlichen Umgebung des Menschen Wärmelampen und Kükenplatten für die nötige Wärme sorgen und die Fressfeinde ausgesperrt sind.
Diesen biologischen Instinkten tragen wir Rechnung. Wir pfeifen bereits in die Brutmaschine, denn eine brütende Henne kommuniziert auch mit ihren Jungen.
Wir geben den Küken die Möglichkeit, bei uns „unterzuschlüpfen“, wo sie – ganz nach
biologischer Wirtschaftlichkeit – sofort entspannen und schlafen.
So kennen sie Menschenhände und verknüpfen diese positiv. Auch Gesichter, Geräusche und Gerüche gehören zu den Menschenhänden, und im Verlauf kommen Autofahrten, durchsichtige Objekte (Fensterscheiben) und vieles mehr dazu. Dosiert, um Überforderung zu vermeiden.
Die Naturbrut in unserem Zuhause erweiterte mein Wissen, der Umgang einer Wachtelmutter mit ihren
Küken lieferte meinem menschlich-betrachtenden Auge einige Erkenntnisse.
Japanwachteln können sich naturgemäss an neue Umgebungen anpassen, was sie für Tierbesuche attraktiv macht. Die Art und Weise, wie sie mit uns Menschen sozialisiert sind, lässt die oft als ängstlich-schreckhafte Vögel wahrgenommenen Tiere neugierig und aufgeweckt ihre Umgebung erkunden, vorausgesetzt, wir tragen ihrem Bedürfnis nach Sicherheit Rechnung. Sie sind stets auf Nahrungssuche (Hände werden gerne ins Visier genommen). Sie haben keine Angst vor laufenden Staubsaugern und sind unerschrocken bei (bekannten) Hunden. Ein Sandbad zwischen Menschen weist auf ihr Vertrauen hin.
Unsere Wachteln führen ein ungewöhnliches Leben, quasi in einer
Wohngemeinschaft mit Menschen – und dem ältesten tierischen Begleiter des Menschen:
dem Hund. Unter Berücksichtigung der artspezifischen Bedürfnissen schaffen wir den Spagat, dass alle ihre Bedürfnisse abdecken können – Menschen und Tiere.

